Gegen den Lehrermangel: Studenten unterstützen Oberschule G. E. Lessing
Vor einem Jahr wandten sich Eltern der Lessing-Oberschule mit großer Sorge an den Oberbürgermeister der Stadt Freital. Sie berichteten von hohem Stundenausfall, Lehrermangel und der konkreten Gefährdung der Abschlüsse der zehnten Klassen. Besonders kritisch sahen sie auch die Betreuungssituation der Schülerinnen und Schüler in den fünften und sechsten Klassen, die teilweise bereits nach zwei oder drei Unterrichtsstunden am Tag nach Hause geschickt wurden.
Für die Stadt Freital als Schulträger war schnell klar: „Auch wenn die Unterrichtsversorgung nicht in ihrem originären Aufgabenbereich liegt, geht es hier um die Kinder unserer Stadt – und damit um unsere gemeinsame Verantwortung. Gemeinsam mit dem Landesamt für Schule und Bildung wurde daher intensiv nach pragmatischen Lösungen gesucht, um die angespannte Situation an der Oberschule Lessing spürbar zu verbessern“, erklärt Oberbürgermeister Uwe Rumberg.
Ein vielversprechender Ansatz ergab sich aus einem Modellprojekt der Technischen Universität Dresden, das 2024 im Landkreis Görlitz gestartet war. Im Rahmen des „Alternativen Lehramtspraktikums“ (ALSO) unterstützen Lehramtsstudenten einmal pro Woche Oberschulen im ländlichen Raum. In Teams begleiten sie eine fünfte Klasse über das gesamte Schuljahr hinweg und tragen so dazu bei, Unterrichtsausfälle abzufedern und zusätzliche Lernangebote zu schaffen. Die Stadt Freital nahm Kontakt mit dem Landeselternsprecher auf, der das Projekt im Landkreis Görlitz mit eingerichtet hatte, um sich zu informieren. Kurz darauf wurde auch Prof. Dr. Anke Langner von der TU Dresden kontaktiert, die das Modellprojekt konzeptionell und wissenschaftlich begleitet. „Wir haben sie nicht nur nach Freital eingeladen, sondern sie auch davon überzeugt, dass es hier einen großen Bedarf und beste Voraussetzungen für den Einsatz der Studenten gibt.“
Mit Erfolg: Am 7. November 2025 starteten an der Oberschule Lessing nicht nur vier, sondern sogar acht Lehramtsstudenten ihren Praxistag in den beiden fünften Klassen. Ein starkes Signal – für die Schule, für die Eltern und vor allem für die Kinder.
Die Rückmeldungen aus der Schule sind durchweg positiv. In einem Gespräch vor wenigen Wochen hieß es, die Studenten seien ein „Glücksgriff“. Durch ihren Einsatz könne deutlich flexibler auf Unterrichtsausfall reagiert werden.
Das Alternative Lehramtspraktikum ist inzwischen auf 15 Schulen in vier Landkreisen ausgeweitet worden. Insgesamt begleiten im Schuljahr 2025/26 116 Studenten der TU Dresden jeweils im Viererteam eine fünfte Klasse über nahezu ein gesamtes Schuljahr hinweg. Zehn Einsatztage dienen der Absolvierung des Pflichtpraktikums, an den weiteren Tagen sammeln die Studenten vertiefte Praxiserfahrungen. Der Einsatz wird vergütet.
Wichtig ist: Die Studenten ersetzen keine regulären Lehrkräfte und erteilen keinen klassischen Fachunterricht. Vielmehr gestalten sie einen gemeinsamen Lerntag mit dem Schwerpunkt „Lernen lernen“. Sie unterstützen die Schülerinnen und Schüler insbesondere bei der Festigung mathematischer und sprachlicher Kompetenzen, fördern selbstständiges Arbeiten, Lesekompetenz und Projektarbeit. Gleichzeitig reflektieren sie ihr pädagogisches Handeln in Begleitseminaren an der TU Dresden. Ziel ist eine enge Verzahnung von Theorie und Praxis sowie eine nachhaltige Professionalisierung angehender Lehrkräfte.
Die Evaluation der Pilotphase im Schuljahr 2024/25 hat gezeigt, dass die Studenten gestärkt aus diesem gedehnten Praktikum hervorgehen. Einige gewannen neue Motivation und entschieden sich bewusst für den Lehrerberuf, fühlten sich besser auf das Berufsleben vorbereitet. Auch für Schulen, die von hohem Stundenausfall betroffen sind, bietet das vom Freistaat Sachsen unterstütze und finanzierte Programm Chancen.
Die Stadt Freital wird das Projekt gemeinsam mit dem Landesamt für Schule und Bildung weiterhin eng begleiten. Im zweiten Quartal ist zudem ein Gespräch mit den Studenten am Tisch des Oberbürgermeisters geplant. „Unsere Hoffnung ist klar formuliert: Vielleicht entscheidet sich der eine oder die andere nach dem Studium für eine Freitaler Schule als Arbeitsort – und im besten Fall auch für Freital als Lebensmittelpunkt“, sagt der Oberbürgermeister. Das Projekt zeigt: Wenn Beteiligte intensiv zusammenarbeiten, können auch in herausfordernden Zeiten tragfähige Lösungsansätze entstehen – zum Wohle aller.