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Isabel: Die Zigarette

Ein Samen wird gesät. Die Pflanze wächst, hat ein tolles Plätzchen in der Sonne, eine angenehme Wärme. Plötzlich wurde ich von meiner Wurzel abgetrennt und lande in einem Karton. Ich wurde anschließend zerkleinert, gewaschen, gedämpft und geschnitten. Nun werde ich in Zigarettenpapier eingewickelt und lande in einer dunklen Pappschachtel.

Es ruckelt ein bisschen, dann sehe ich nach einem Monat wieder das Tageslicht, endlich! Ich höre das charakteristische Piepen einer Kasse und werde in eine Tasche gepackt. Gleich darauf greift eine Hand in die Schachtel und die Zigarette neben mir wird aus der Verpackung geholt und angezündet, oh nein! Was kann ich nur für sie tun? Eine weitere Hand greift in die Schachtel und nun werde ich ebenfalls angezündet, was für ein schreckliches Gefühl! Meine Beine werden heiß und ich brenne!!! Hilfeeeee! Ich brenne bis nur noch ein kleines Stückchen von mir übrig ist. Ich werde achtlos auf die Straße geworfen. Doch statt mich auszutreten, glimme ich noch eine Weile.

Plötzlich höre ich einen lauten Motor und werde von einem großen Fahrzeug überfahren. Ich bleibe am Reifen kleben. An mir ziehen lange Hügelketten und Seen vorbei. Als wir über eine Brücke fuhren, sah ich eine Glasflasche in der Sonne glitzern, welche den Fluss hinabgeschwemmt wurde. Der Wind ergreift mich, ich werde vom Reifen gelöst und lande auf einem riesigen Müllberg. Plötzlich und ohne Vorwarnung überkommt mich ein Regenschauer. Sobald die kleinsten Rinnsale fließen, werde ich einen Hügel hinuntergespült, weiter in einen kleinen Bach und schließlich lande ich in einem großem, breitem Fluss.

Bereits nach einer halben Stunde ist die Hälfte meines Nikotins ausgewaschen und ich merke, wie ich damit große Wassermengen vergifte. Ich treibe langsam auf das Ufer zu und bleibe schließlich an einem Gebüsch hängen. An diesem Ort verweile ich weitere zwei Wochen, um dann wieder bei dem nächsten hohen Wasserstand weitergespült zu werden, hinaus in den großen, weiten Ozean. Tag für Tag, den ich im Ozean verbringe, werde ich weiter auseinandergenommen, mal ein Stückchen hier, mal ein Stückchen dort treibt von mir weg. Meine Hülle wird über die Zeit rissig, jedoch bleibe ich größtenteils an einem Stück. So vergehen meine Jahre, in denen ich in verschiedenen Ozeanen herumschwirre, mal in den dunkelsten Tiefen, mal ganz weit an der Oberfläche. Nach einigen Jahren lande ich schließlich auf einem riesigen Müllteppich und treibe dort weitere Jahrzehnte meines Lebens entlang. Es dauert mehrere Jahrhunderte, bis ich komplett durch Wellen und Wind, Strömung und Zeit zersetzt wurde. Mein Leben war kurz und schnell verbrannt – doch mein Ende dauerte Jahre.